Montag, 30. November 2009

Appenzell - Innerhoden




Das fand ich gut.


Man soll eben nicht einfach die Kavallerie rufen, wenn man mit nachbarschaftlicher Höflichkeit genauso weit kommen kann. Na gut, die Eidgenossen haben jetzt entschieden, dass man in der Schweiz keine Minarette mehr bauen darf, und böse Zungen könnten jetzt lästern, dass das fremdenfeindlich und menschenrechtswidrig ist. Nicht so unser Tsp. Anstatt den Kantonen, bei denen das links dargestellte Plakat besonders viel Erfolg hatte, hässliche Vorwürfe zu machen, oder sich gar über deren namen („Inner-Hoden“ lustig zu machen, bescheinigt ihnen Gerd, der Tapfere, - Sensibilität:

"In traditionell konservativen und gegenüber ausländischen Einflüssen besonders sensiblen Kantonen wie Appenzell-Innerrhoden kamen die Minarettgegner auf über 70 Prozent."
Das fand ich nicht gut

Montags kommen die Querschläger immer von rechts-außen. Dafür ist Alexander, der Große, zuständig. Bevor er uns erklärt, dass die Herdprämie da am besten aufgehoben ist, wo die Kleinen nicht indoktriniert werden können, spielt er das Problem erst einmal herunter:

Es dürfte nicht häufig vorkommen, dass 150 Euro die Geister so gründlich scheiden. Doch das Betreuungsgeld hat ausgelöst, was in unserer Konsensdemokratie selten geworden ist, den grundsätzlichen Konflikt.
Ja, aber so einfach ist das gar nicht! Es geht nämlich nicht um 150 €, sondern das ist nur der monatliche Betrag für ein Kind in einer Familie. Das läppert sich, Herr Gauland, und – hast du’s nicht gesehen – fehlen dem Fiskus mehrer Tausend Euro, wenn nicht mehr. Das ist leider so ähnlich wie mit der Pendlerpauschale und der Mehrwertsteuer. Auch wenn die MWSt für einen Cappuccino bei Starbucks nur 57 Cent beträgt, ist es gar nicht so einfach, den MWSt-Satz so mir-nichts-dir-nichts um 3% zu erhöhen. Jedenfalls nicht in einer Regierung ohne SPD-Beteiligung.


Donnerstag, 26. November 2009

Idi Amin




Das fand ich gut.

Zurecht findet Gerd, der Tapfere , dass das FDP-Gefasel über die Tarifsymmetrie im Wohnraummietrecht Blödsinn ist. Aber dafür braucht man eigentlich gar nicht so viel Worte. Denn: was ist der Unterschied zwischen einem Vermieter und einem Mieter? Der eine hat ein Wohnung zuviel, der andere hat ein zuwenig.

Das fand ich nicht gut.

Joachim Blüher macht es einem in unfairer Weise schwer, gegen Berlusconi zu sein. Wer kein Fan von Silvio ist, ist seiner Ansicht nach ein Spießer, der vermutlich lieber vier Frauen, fein „säuberlich getrennt“ nacheinander hat als vier gleichzeitig, der den uncoolen Tonsetzer aus Leipzig dem flippigen Aidakomponisten vorzieht und der Berlusconis Witz vom „gut gebräunten Obama“ einfach nicht lustig finden will. Zugegeben: Berlusconi ist ein bisschen bunter und knalliger als Horst Wer, aber das sind Idi Amin, Gaddhafi und Pol Pot auch.


Mittwoch, 25. November 2009

Stephenie




Das fand ich gut.


Gregor Dotzauer ist ein kluger Mann. Endlich mal jemand, der anschaulich und plausibel begründet, warum Schirrmacher nicht alle Tassen im Schrank hat. „Payback“ ist das dümmste Buch, das je geschrieben wurde (Sorry, Stephenie!). Warum ist man seit Google von einer „Informationsflut“ bedroht? Gab es nicht schon in Alexandria eine Bibliothek mit mehr Büchern als man lesen kann? Man muss ja nicht alles anklicken, und wer freiwillig bei Twitter ist, ist selbst schuld. Peinlich vor allem der aufdringliche Hinweis Schirrmachers, das ihn sein PC technisch natürlich nicht überfordert. Andererseits ist es auch wieder einfach sympathisch, wenn jemand ein 240-Seiten-Buch auf den Markt wirft, in dem drinsteht, warum „in der heutigen Zeit“ keiner mehr die Ruhe hat, z.B. ein 240-Seiten-Buch zu lesen.

Das fand ich nicht gut.

„Meinungsseite“ ist keine Entschuldigung dafür, auch noch den stumpfesten Blödsinn zu veröffentlichen. Aus ihrer rückwärtsgewandten und revanchistischen Haltung macht Ina Weisse jedenfalls keinen Hehl.

Oder warum sonst eilte er [Westerwelle] kaum im Amt als Erstes nach Polen?
Ja, wohin denn sonst? Liechtenstein? Siebenbürgen? Nordkorea?

65 Jahre nach Kriegsende, nach Mauerfall und Perestroika wäre es nun aber langsam an der Zeit, dass auch die letzte große Opfergruppe des Weltkrieges, die Vertriebenen, ihre Anerkennung findet.
Ach ja? Und dann können wir endlich den „Schlussstrich“ ziehen?


Freitag, 20. November 2009

Jeanne Claude und Christo




Das fand ich gut.

Jeanne-Claude ist tot. Das ist knapp und griffig formuliert, schnörkellos, und vor allem: es reimt sich.

Für die nächsten Fälle haben wir schon ein paar Empfehlungen:

1. Iris Berben musste sterben

2. Steinbrück-Peer lebt nicht mehr

3. Günther Gauss – aus die Maus

Hoffentlich findet sich noch ein Promi, dessen Name mit „-ratzt“ endet.

Das fand ich nicht gut.

Noch mal Christo (dies mal auf der Kulturseite), und zwar zu seinem Versuch, den Reichstag mit der Post zu verschicken:


Sie schenkten Berlin einen magischen Moment, in dem sich Politik, Kunst und Leben die Waage hielten.
Wer sich daran erinnert, mit welcher Verbissenheit und Unnachgiebigkeit Christo und Jeanne-Claude ihre Urheber- und Vermarktungsrechte selbst gegen die kleinsten Ansichtskartenverlage verfolgt haben, der verzichtet gerne auf so ein „Geschenk“. Es mag sein, dass sich Politik, Kunst und Leben die Waage hielten, aber ihr Gewicht war verschwinden gering gegenüber der eigentlichen Triebkraft, dem Geschäft.



Sonntag, 15. November 2009

Ants






Das fand ich gut.

Endlich mal ein Problem, das man endgültig losen kann.

10.000.000.000 Ameisen leben auf der Erde. (Seite S 3)
Da braucht nur jeder Mensch (von 5.000.000.000) zwei zu zerquetschen, und die Viecher sind da, wo Säbelzahntiger und Mammut auch schon sind, im Artenhimmel (ach, übrigens, wo wir gerade beim Aussterben sind: womit hat Noah eigentlich die Löwen auf der Arche gefüttert?)

Das fand ich nicht gut.

Mist. Paar Zeilen später ist die ganze Vorfreude wieder hin.
5.760 km lang ist die Ameisenkolonie von der italienischen bis zur spanischen Mittelmeerküste.
Wenn die in 5-er-Reihe laufen und im Schnitt 2,5 mm lang sind, besteht diese Kolonie allein schon aus 11.250.000.000 Ameisen, also etwas mehr, als es überhaupt auf der Erde gibt. Müssen die sich beim Tsp. um ein, zwei Trilliarden verzählt haben. Die halten ja auch nie still, die Biester.

Donnerstag, 12. November 2009

Real Barcelona




Das fand ich gut.
De mortuis nihil nisi bene. Zweieinhalb Kilometer bis zum Bahnhof. Die Strecke muss man doch nicht mit dem Geländewagen fahren, um mit dem Zug mitzufahren. Aber der Tsp. enthält sich zu Recht jeder Kritik. De mortuis eben


Das fand ich nicht gut.
Wieder mal schlechte Berlin Kritiken, dies mal von Herrn Burdett.

Berlin, so analysiert er, sei die einzige Hauptstadt der Welt, deren Bewohner wirtschaftlich weniger leisten und deshalb auch ärmer sind als der Durchschnitt des Landes.
Aber es gibt nach seiner Ansicht zum Glück auch Hauptstädte, in denen es voran geht.

Die positivsten Veränderungen seien in Städten wie New York oder Barcelona erreicht worden, in denen es „sehr mächtige Bürgermeister“ gebe.
Vielleicht wäre Herr Burdett zu einem aus deutscher Sicht erfreulicheren Ergebnis gekommen, wenn er für Deutschland auch eine neue Hauptstadt erfunden hätte, Starnberg oder Blankenese zum Beispiel.

Samstag, 7. November 2009

RCC rettet Menschenleben




Zum Ende der Herbstpause:
Sonderbericht
RCC rettet Tausende Menschenleben


1. Die Entdeckung
Bei einem wissenschaftlichen Feldversuch hat RCC ene überraschende Entdeckung gemacht. Immer wenn RCC mit dem Fahrrad den Vorarlberger Damm in nördliche Richtung befuhr, versuchten genervte Kunden von Möbel Kraft, ihm die Vorfahrt zu nehmen, besonder freitags. Meistens erst in letzter Sekunde kamen die Autos vor ihm zu stehen. Das alles ist noch normal, aber jedes Mal hörte RCC erst die Hupe, bevor er das Bremslicht sah. Eine wissenschafliche Recherche (bei Brigitte.de) ergab, dass es jedenfalls beim Gewitter anders herum ist, weil sich nach allgemeiner Meinung Lichtwellen schneller bewegen als Schallwellen (Fachleute sprechen sogar von einem Verhältnis von etwa 1:1000). Ein Beitrag, aus dem sich ergibt, dass dieses Prinzip a) beim Auto oder b) auf dem Vorarlberger Damm nicht gilt, wurde von Science (http://www.sciencemag.org/) abgelehnt.

 
2. Die Erkenntnis
Das ließ RCC keine Ruhe. Also musste seine Prämissen fehlerhaft sein. Offensichtlich betätigten die Autofahrer Hupe und Bremse nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Die Zeitdifferenz wurde durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Wellen zu Gunsten der Hupe sogar noch vergrößert. Mittels einer wissenschaftich fundierten Messmethode (man zählt langsam „einundzwanzig – zweiundzwanzig“ etc.) gelang es RCC die Zeitdifferenz exakt zu bestimmen. Es sind genau 314.159,26 Bruchteile einer Sekunde, also (wie erwartet) exakt das Mehrfache der Zahl Pi.

3. Die Erfindung
Da das Bremsen nach allgemeiner Meinung der Experten des ADAC für die Unfallverhütung von größerer Effizienz als das Hupen ist, meldete RCC das Patent an, nachdem nunmehr Kraftfahrzeuge derart umgerüstet werden, dass mit einem Schlag auf das Lenkrad die Bremse bedient wird, während ein Tritt mit dem rechten Fuß die Hupe aktiviert.

4. Die Auswirkung
Nach Expertenschätzung ist für das Jahr 2009 mit 5.070 Toten zu rechnen. Davon können nach der wissenschaftlich fundierten RCC-Formel 31, 41 % überleben, wenn das Hup-Brems-Verhältnis umgekehrt wird. Auf 43 Jahre bezogen bedeutet dies die Rettung von 68.455 Menschenleben, also ungefähr der Einwohnerzahl der Stadt Fulda.


Jetzt zum Alltagskram:
Das fand ich gut.
Kriegsminister Guttenberg nennt das Kind beim Namen. Stabilisierungsmaßnahme heißt jetzt wieder Krieg.
Das fand ich nicht gut.
Das bedeutet allerdings auch für alle noch im Weg stehenden Kollateralzivilisten das Ende der Schonzeit.

Samstag, 17. Oktober 2009

Trüffelschweine




Das fand ich gut.


Gestern erst hatten wir den Übersetzerwettstreit im Tsp. Es ging darum, wer Maradonas Zitat („A los que no creían o no creyeron, con perdón de las damas, que la chupen, que la sigan chupando”) am elegantesten ins Deutsche übertragen kann.
“Das können wir auch”, sagt sich die Süddeutsche, “aber Spanisch ist nicht so unser Ding, als Liberale sind wir eher anglophil”. Also was Englisches mit Oralverkehr. Schlag nach bei Philip Roth, und siehe da…
Eine der peinigendsten und komischsten Szenen des Buches ist jenes, wo der Held…[seine Schnalle]… zum Oralverkehr zu veranlssen vermag. Außer um die interessante Frage, ob dieser Vorgang im Deutschen mit dem Akkusativ (Molvig; “Aber so etwas konnte Sally nicht: mich blasen”) oder dem Dativ (Schmitz: “mir einen blasen”) zu konstruieren…

Das fand ich nicht gut.

Es passiert einem ja immer wieder mal, dass man morgens in der Zeitung Wörter liest, die da gar nicht stehen. Kann am Restalkohol liegen, oder auch am Alter, jedenfalls kriegt man aber meistens irgendwann aus dem Zusammenhang raus, dass da nicht „Firlefanz“, sondern „Finanzen“ steht, dass „Urinstinkt“ nichts mit Ausscheidungen zu tun hat oder dass der Autor nicht vom „Blasen“ mit Dativ oder Akkusativ (siehe oben) spricht, sondern, dass es um Blasen geht, die platzen, wenn Krise ist. Funktioniert aber nicht immer. Aber heute lags nicht an mir: Michael Jürgs auf S. 4:

Unvergessen, als journalistische Trüffelschweine herausfanden, dass sich die Geheimen Ost so weit entblödet hatten, Geruchsproben von Aufmüpfigen in Einweckgläsern zu archivieren, auf dass im Falle eines Falles, falls nämlich die in Internierungslager verbracht werden sollten, die abgerichteten Bluthunde jagend ihre Spuren aufnehmen konnten.

Das gibt beim ersten Lesen keinen Sinn, beim zweiten auch nicht, und dann habe ich aufgegeben. Immerhin: Jürgs scheint meine Liste der hässlichsten Wörter genau zu kennen, denn er bedient sich da ebenso großzügig wie schamlos.


Freitag, 16. Oktober 2009

Diego




Das fand ich gut.


Wir räumen unsere Stadt gründlich auf. Den Startschuss gibt tib auf der Meinungsseite:
 
Wäre es nicht ein Zeichen für das Zusammenwachsen dieser Stadt, wenn nicht nur das ICC, sondern weitere Denkwürdigkeiten dieser Art verschwänden? Auf Platz eins einer ersten Vorschlagsliste könnte der (zugegeben: frisch sanierte) Bierpinsel stehen, dicht gefolgt vom Steglitzer Kreisel. Und wäre nicht auch im Fall des Europa-Centers ein Komplettabriss statt einer Teilerneuerung die dreifach bessere Lösung – finanziell, ästhetisch und, vor allem, als einheitsstiftende Geste?
Aber da müssen wir ja nicht stehenbleiben. Wenn die Stadt wirklich zusammenwachsen soll, müssen wir auf beiden Seiten Zug um Zug abrüsten: Gedächtniskirche gegen Dom, Bahnhof Zoo gegen Friedrichstraße, S-Bahn gegen Tram, etc., bis eben alles eins ist. Da stellen wir dann ´ne Mauer hin. Für die Touristen.


Das fand ich nicht gut.


Maradona hat gestern einen schönen Satz gesagt, und der lautet:


A los que no creían o no creyeron, con perdón de las damas, que la chupen, que la sigan chupando.
Offensichtlich eine echte Herausforderung für die Hobbyübersetzer vom Tsp., und gleich zwei Sportredakteure versuchen sich dran.


Ingo Schmidt-Tychsen löst es noch relativ elegant mit


Denjenigen, die nicht an mich geglaubt haben, sage ich – die Damen mögen mir das verzeihen – ihr könnt mir einen blasen.
Ein bisschen umständlich und verblasen, aber insgesamt nicht schlecht.

Tobias Käufer geht etwas kreativer ran:
Die anderen, die nicht an die Nationalmannschaft geglaubt haben, sollen weiter die Schwänze lutschen.
 Aber das geht gar nicht. Wo bleiben die Damen und wiviel Schwänze hat die Hand Gottes?

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Loser




Das fand ich gut.


Das passt. Manche hören Stimmen, andere sehen weiße Mäuse, aber Hans Neuenfels bestellt sich längst verstorbene Komponisten nach hause zum Essen. Und terrorisiert das „tiefste Salzkammergut“:


„Ich legte Tristan und Isolde auf. Die Sterne traten hervor und drohten uns wie Fäuste, das Licht der Loser-Hütte blinkte, und im ganzen Tal gingen die Lichter an. Die Altausseer lagen in ihren Betten, saßen um den Ofen, tranken Riesling, Veltliner, Bier, Obstler, blaufränkischen Burgunder und hörten.“
Was? Wo? Die Loser-Hütte? Das passt.


Das fand ich erst nicht gut, dann aber doch.


Das sieht wieder mal so aus, als würde die Rentenformel dahingehend erweitert, dass die Greise mehr kriegen und wir die Rechnung dafür zahlen dürfen.

Wie die Generalsekretäre Ronald Pofalla (CDU), Alexander Dobrindt (CSU) und Dirk Niebel (FDP) nach der Verhandlungssitzung mitteilten, soll das sogenannte Schonvermögen für die Altersvorsorge, das beim Bezug von Arbeitslosengeld II unangetastet bleibt, deutlich erhöht werden. Es wird auf 750 Euro pro Lebensjahr erhöht und damit verdreifacht.
Warum sollte ein 20-jähriger ein Schonvermögen von nur 15.000 Euro behalten dürfen, ein 60-jähriger aber ein Vermögen von 45.000 Euro? Sieht erst nach Abzocke aus, bevor man’s kapiert. Nach der aktuellen Statistik wird ein heute 20jähriger im Schnitt 77 Jahre alt, ein heute 60jähriger aber fast 87. Also müssen die Alten 10 Jahre mehr Leben finanzieren, und das kostet eben.

Montag, 12. Oktober 2009

Schuld und Sühne




Das fand ich gut.

Es gibt ein paar Wahrheiten, die gelten auch noch 13 Jahre, nachdem sie verkündet wurden. Selbst im Journalismus. Harry Rowohlt in der ZEIT(1996):
Drei weitere altehrwürdige Tabusätze für Journalisten sind:
"Als ich die Gangway hinunterstieg, schlug mir die dumpfig-schwüle Atmosphäre des Inneren Gran Chaco entgegen wie ein feuchtes Handtuch", weil selbst die abgebrühteste Brigitte-Leserin inzwischen weiß, daß die Atmosphäre im Inneren Gran Chaco aus feuchten Handtüchern besteht und gar nicht anders kann und deshalb entschuldigt ist.
"Der Taxifahrer sagt mir . . .", weil man auf diese Weise verrät, daß man keinerlei Kontakt zu den Einheimischen hatte.
"Am Canal St.-Martin scheint die Zeit stehengeblieben zu sein", obwohl es stimmt, weil es unfein ist. So was sagt man nicht.
Und der Tsp. beweist uns, wie aktuell die Warnungen heute noch sind.

Beschleunigung
Vor Wochenfrist saß ich in Jerusalem in einem Taxi und stand – was für diese Stadt nun wirklich nicht untypisch ist – in einem schweren Verkehrsstau, der dadurch entstanden war, dass von allen vier Seiten einer Kreuzung Autos aufeinander zugefahren waren und keiner dem anderen Vorfahrt geben wollte. Um den Taxifahrer zu beruhigen, der über die Situation etwas erregt war, begann ich mit ihm ein Gespräch darüber, dass die nahöstliche Stadt in den vergangenen Jahrzehnten (ich kenne sie seit 1983) doch sehr viel hektischer geworden sei. Und ich trug Hypothesen darüber vor, warum das so sei, nannte beispielsweise den stark angestiegenen Individualverkehr. Da drehte sich der Fahrer zu mir um, setzte ein sehr ernstes Gesicht auf und sagte (in ziemlich gebrochenem Englisch): „Nein, der wahre Grund ist ein ganz anderer: Die Erde dreht sich immer schneller“. (Markschies, S. 26)
Die eigentliche Perle befindet sich aber schon in den ersten zwei Worten: „Vor Wochenfrist“. Einfache Journalisten sind vor zwei Wochen mal Taxi gefahren, um sich die Recherche zu ersparen, Unipräsidenten machen das „vor Wochenfrist“ (und vor Ort, vermute ich.)

Das fand ich nicht gut.

Noch mal „Wissen“, noch mal S. 26. Unter „Gerügte Forscher“ ist zu lesen:
Nach Prüfung der Vorgänge sei die DFG zu dem Schluss gekommen, dass bei 13 Personen ein wissenschaftliches Fehlverhalten – also Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit – vorliege.
Aha: Es gibt als zwei Formen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens: Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit. Und sicherlich gibt es auch zwei Schuldformen (Vollendung und Versuch), zwei Rechtfertigungsgründe (Verbrechen und Vergehen) und zwei Verjährungsfristen (Schuld und Sühne).


Sonntag, 11. Oktober 2009

Reader's Digest




Das fand ich gut.


Alfred Eichhorn beklagt auf S. 31 die penetrante Floskel „… sieht anders aus“ und beweist damit ein treffsicheres und subtiles Sprachempfinden. Es geht eben, liebe Frau Grunert, nicht in erster Linie um die korrekte Grammatik und wie man welches Verb beugt, sondern darum, welche Wörter man verwendet, und welche besser nicht. Zu „sieht anders aus“ packen wir noch „nicht wirklich“, „hat was“, „geht gar nicht“ und alle ihre hässlichsten Kumpels (nicht vollständige Liste hier abrufbar) oben drauf und versenken alles an der tiefsten Stelle des Pazifiks.

Das fand ich nicht gut.

Wer hören kann, soll sich auch selbst zuhören, möglichst bevor er spricht. Herr Eichhorn, wo haben Sie denn „das Kind im Manne!“ (auch im Original mit Dativ-e und Ausrufezeichen!) her? „Reader’s Digest“? „Für Sie“? „Praktische Fibel für den modernen Sprachgebrauch“ (Schnarchnase-Verlag Tübingen, 1951)?

Samstag, 10. Oktober 2009

Hertha



Das fand ich gut.

Die diesjährige Preisverleihung in den verschiedenen Disziplinen.

Die Hertha aus Berlin hat spätestens mit den Schlappen in Hoffenheim und gegen Hamburg bewiesen, dass der Schießbefehl endgültig aufgehoben worde. Keine Frage: Friedensnobelpreis für Hetha „Müller“ BSC,

Farbig, etwas schrill und ein routinierter Twitterer. Barack Obama hat die Auszeichnung „Vogel des Jahres 2010“ wirklich verdient. In Hinblick auf die Jahreszahl waren wohl aber auch Vorschusslorbeeren dabei, wie der Tsp. zu recht zu bedenken gibt.

Was kommt noch? Offen sind noch der „Oscar“ und der "Ehrenpreis Kinderrechte" von UNICEF Deutschland. Für beides gibt es neben Roman Polanski eigentlich keinen ernstzunehmenden Konkurrenten.


Das fand ich nicht gut.


Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Menschen mit der Frage, ob es den Mann im Mond nun gibt oder nicht. 1969 wollten wir ihn dann besuchen, aber er ist nicht gekommen. Um zuverlässig zu ermitteln, ob es den Mann im Mond wirklich gibt, haben die Amerikaner nun ein „ungewöhnliches Experiment“ (S. 28) durchgeführt.
Dazu ließen sie eine zwei Tonnen schwere Raketenspitze gezielt auf den Erdtrabanten stürzen. Dabei sollte nicht nur tonnenweise Mondgestein aufgewirbelt werden, sondern auch Wassereis, das seit langem in tiefen Mondkratern vermutet wird.
Dieses ungewöhnliche Experiment hat auch schon in Japan, Vietnam, Irak und Afghanistan gut geklappt, und wenn den Forschern bei dem aufgewirbelten Mondgestein noch ein Gerippe entgegenfliegt, wissen wir endgültig, dass die Geschichte vom Mann im Mond kein Märchen war.



Freitag, 9. Oktober 2009

Küchenkabinett




Das fand ich gut.


Gestern haben wir (von der EU) gelernt, wie man die Armut wirksam bekämpft, nämlich indem man sie verbietet und unter (Geld-)strafe stellt. Offen blieb dabei nur, wie man die blöden Schulden loswird, um der Strafe zu entgehen. Das hat unsere zukünftige Regierung jetzt auch geklärt. Unter der Überschrift „Das 30-Milliarden-Euro-Loch“ lesen wir auf S. 4:


Zumal die Koalitionsspitzen – zweiter wichtiger Beschluss des Donnerstags – eine Prioritätenliste aufgestellt haben: Entlastung der Bürger – vorrangig durch niedrigere Steuern –, Investitionen in Zukunft – vorrangig in Bildung – und Konsolidierung.
„Kinder“, sagte Papa zu uns, „Mama und ich haben gestern festgestellt, dass unser Konto 30 Milliarden in den Miesen steht. Da haben wir uns einen Dreistufenplan ausgedacht. Zuerst kriegt jeder doppelt so viel Taschengeld, dann kaufen wir für Mama eine neue Küche und für mich was Kleines aus Zuffenhausen. Danach wird konsolidiert.“

Das fand ich nicht gut.

Oft weiß man bei einem Buch schon nach den ersten Worten, was einen erwartet.


„Aujourd’hui maman est morte. Ou peut-être hier. Je ne sais pas.“

Das kann was werden. Sogar ein Nobelpreis.


„Alles, was ich habe, trage ich bei mir. Oder alles Meinige trage ich mit mir. Getragen habe ich alles, was ich hatte.“ (Müller, S.26)
Das klingt eindeutig nach „Entbehrungskitsch“ und „Kunstschneeprosa“ (Gerrit Bartels im Interview auf S. 25). Und bringt auch’n Nobelpreis ein.